Donnerstag, 14. Juni 2012

Werktisch die Erste

Im Leben eines Mannes, genauer: eines Heimwerkers, natürlich auch einer Heimwerkerin - also im Leben eines jeden Menschen, der heimwerkt kommt einmal der Moment, in dem er - oder sie - merkt, dass der eigene Werktisch bloß ein alter, wackeliger Schreibtisch ist.
(Ich habe zwar auch noch eine alte Hobelbankplatte aus Sperrholz, aber die hat bereits ein Hochwasser erlebt und ist nicht unbedingt eine Referenzarbeitsfläche.)

Da erfordert sofortiges, entschlossenes Handeln: also erstmal ausgiebig grübeln! Eine richtige Hobelbank? Ein MFT? Eine Werkbank? Wie lang? Wie hoch? Welche Konstruktion? Mit oder ohne Stauraum? Freistehend/beweglich oder fest an der Wand? Aus welchem Holz? Welche Spannmöglichkeiten? - Da es keine perfekten Lösungen ohne Nachteile gibt artet das oft in mehrmaliger Umorientierung mit mangelnder Entscheidungsfreude aus.

Irgendwann stellte ich dann folgende Vorgabe an das ganze Projekt: so günstig wie möglich & so schnell wie möglich.
Und dann schieden Hobelbank und MFT schon mal aus. Der MFT wäre mir sowieso viel zu klein gewesen.
Es sollte also eine Werkbank werden, 3m lang, ca. 80cm tief.

Das Gestell
"So günstig wie möglich" heißt beim Gestell einer Werkbank den Beweis anzutreten, dass sich mit Fichtenholz eine stabile, steife Konstruktion bauen lässt.
"So schnell wie möglich" heißt, dass dieses mal auf aufwendige, traditionelle Holzverbindung in liebevoller Handarbeit verzichtet wird. Stattdessen kommt mein nagelneuer Binford 9000 Turbojointer - wer erinnert sich an Tooltime? ;) - zum Einsatz, manche sagen auch Festool Domino XL dazu. Dieses extrem feine Maschinchen ist mein allerneuester Werkstattzuwachs, dem ich eventuell mal einen eigenen Bericht widme.

Hier wurde schon fleißig "gedominot".
Die Eckverbindungen. Das sollte schon stabil sein. Die Dominos
haben die beachtliche Dimenson von 12x140mm.
Das Verleimen der beiden Seitenrahmen mit Hilfe eines 
einfachen Hilfswinkel zur Sicherung der Rechtwinkeligkeit.
Die Längszargen werden mit M12-Schrauben und -Muttern 
befestigt, damit die Konstruktion zerlegbar bleibt. Zusätzlich  
werden je Ecke 2 Dominos unverleimt zur Führung verzapft.

So sieht das Gestell dann fertig aus. Durch die tief verzapften, 
großen Dominos hält die Sache ziemlich bombemfest.
 Da gibt nichts nach.
Die obere vordere Längszarge ist übrigens aus Lärche. Da wollte ich etwas Festeres als die weiche Fichte und ein Stück Lärche war unter meinem Schnittholz-Zufallskauf (wie in früheren Berichten erwähnt).

Die Platte
Meine Güte, wie lange habe ich überlegt, woraus ich die Platte machen soll: aus meinen Buche Schnittholzbeständen? Viel zu aufwendig bei 3m Länge. Aus Multiplex? Zu teuer. Aus fertig gekauften Bucheleimholz? Naja, damit das gerade bleibt, müsste ich monstermäßige Gratleisten ö.ä. drunter pfrimeln. Wieder zu viel Aufwand für die Vorgabe "günstig&schnell".

Also wurde es MDF. Das habe ich bislang noch nie verwendet, vorallem weil ich starke Vorbehalte gegen solche Plattenwerkstoffe hatte, weil es kein natürlich Holz ist. Aber es ist günstig, plan ("brettl-eben" wie man bei uns sagt) und verzieht sich nicht. Und es wird schließlich kein Wohnzimmermöbel, sondern eine Werkbank für die Werkstatt.
Allerdings braucht MDF einen Schutz an den Kanten. Dafür habe ich etwas von meiner Buche verwendet und daraus einen hübschen Rahmen gebaut.

Und so sieht es dann fertig aus:

Warum gehen die Tischbeine nicht bis zum Boden? Was ist denn das für ein Pfusch?
Das ist beabsichtigt, weil sich unten an den Beinen noch schraubbare Füße für den Niveau-Ausgleich befinden. Ich wollte endlich eine Arbeitsfläche, die nicht nur eben, sondern auch in Waage ist. Wie man sieht, fällt der Boden von links vorne nach rechts hinten ziemlich ab - der Tisch steht endlich gerade!

Na gut, aber warum liegt die untere Zarge fast am Boden, die gehört doch höher gesetzt?
Unter die Werkbank soll noch Korpus für Schubladen eingebaut werden. Ich brauche dringend Stauraum!

Die Platte ist 2-teilig, weil rechts unten der Wasserzähler des Hauses montiert ist und der zugänglich bleiben soll.
Daher ist der rechte Teil der Platte nur eingesteckt - wieder mit Dominos - und liegt hinten und rechts an der Wand auf. Funktioniert spitze und trotzdem sehr belastbar.
Finish
Alles wurde mit Leinölfirniß behandelt. Die ist ebenfalls sehr günstig und hoffentlich ein guter Schutz gegen Leimtrofen und anderes. Beim Ölen von MDF muss man aufpassen, dass man nicht zuviel Öl an einem Fleck stehen lässt, denn das MDF saugt wie ein Schwamm, unglaublich. 
Das Ergebnis ist viel Schöner als erwartet. Mir gefällt die gerahmte, geölte MDF-Platte sehr gut.

Die Spannmöglichkeiten
In den Bucherahmen ist eine T-Nut-Schiene von Incra eingelassen, in die die Festool-Zwingen fast spielfrei hineingleiten. Das ist ein beliebtes Design unter den Holzwerken die sich in den diversen Foren herumtreiben.


An den Beinen habe ich Zapfenlöcher eingefräst - richtig, mit der Domino ;) - zur Aufnahme von Bankknechten, die sehr einfach gebaut sind.

Ist das alles an Spannmöglichkeiten?? Leider ja - bis jetzt. Natürlich möchte ich auf der Platte noch Löcher bohren für Spannmöglichkeiten auf der Fläche. Aber das habe ich zeitlich nach hinten geschoben, weil es auch hier wieder zu überlegen gilt: 19mm-Löcher bohren für Veritas&Co-System, oder 20mm für Festool-Zubehör und andere 20mm-Zwingen, oder auch in der Fläche Incra-Schienen verwenden...
Egal... das kommt dann irgendwann im zweiten Teil. Jetzt bekommt erst mal die Tochter wieder ein Kleinmöbel.

Offene Enden
  • Die erwähnten Spannmöglichkeiten auf der Platte müssen irgendwann geschaffen werden.
  • Ein Unterschrank für dringend benötigten Stauraum: die Gestellkonstruktion mit der beinahe am Boden liegenden unteren Längszarge wurde extra so gewählt, damit ein möglichst großer Schubladenkorpus eingebaut werden kann.

Lessons Learned
  • Eine Domino XL ist ein echter Zeitgewinn und ein wahre Freude. Nur ca. 20% der 100 (!) Löcher, die ich für dieses Projekt mit der Domino gefräst habe, ist ausgemessen oder angezeichnet. Es wurde fast alles direkt mit den Anschlägen der Maschine gefräst.
    Gerade für einen Zweckgegenstand wie eine Werkbank sehe ich kaum einen Grund, unzählige Stunden in handgearbeitete Verbindungen zu investieren. Ohne Domino hätte ich wahrscheinlich gedübelt, mit selbstgebastelten Dübelschablonen.
  • Man kann auch mit Fichte ein absolut stabiles Werkbankgestell bauen. Es muss nicht immer Hartholz sein. Es wackelt nichts. Das Gewicht des Gestells ist zwar nicht überragend hoch, aber die große Platte kompensiert das. Da ich aber immer gern auf Nummer sicher gehe, ist die Bank trotzdem an zwei Punkten an der Wand fixiert.

Update:

In den großen leeren Platz unter Platte wurde mittlerweile ein Schubladenkorpus eingepasst. Mann kann das hier sehen: Werktisch, die Zweite: Schubladenkorpus


Kommentare:

  1. Hallo Rainer,

    Danke für den schönen Bericht. Da ich auch gleich einen Montage/Werktisch baue, kommt mir deine Bestätigung zur Tauglichkeit von Fichtenholz als UK ganz gelegen.

    Beste Grüße
    Marc Koch

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  2. Habe gerade eine Roubo-Hobelbank im Dictum Kurs mit Chris Schwarz gebaut. Da ist auch der Unterbau aus Fichte - das ist mehr als stabil. Die Tischplatte ist maßgeblich und das die Konstruktion insgesamt genug Masse hat - je nach Anwendungszweck.
    Infos dazu unter http://www.holzundleim.de

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  3. Bravo - der Werktisch ist toll geworden, und die Anleitung ebenso! Für mich leider noch etwas zu schwierig, aber auch, wenn ich die Werkbank nicht nachbauen werden, hat es Spaß gemacht, den Bericht zu lesen. Vielleicht hast du ja Lust, auch auf auf dem Gärtner- und Heimwerkerportal "Mach mal" (www.mach-mal.de) etwas von deinen Projekten und Anleitungen vorzustellen? Ich bin dort Administratorin und würde mich freuen.

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  4. Moin Rainer,

    tolle Anregung, welche ich mal aufgriffen habe, da mir momentan selbst eine neue Werkbank bauen will.
    Allerdings habe ich noch eine Frage:
    Wie hast Du die Buchenholzleisten vom Rahmen um die MDF-Platte befestigt? Ich sehe nrigends Schrauben.
    Sind die Leisten nur geleimt oder auch mit Dübel an der Trägern befestigt?

    Beste Grüße, Uwe

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    1. Hallo Uwe,
      der Buche-Rahmen ist mit der MDF-Platte verleimt, mithilfe von Lamellos. Die gesamte Platte ist mit dem Gestell an wenigen Punkten verschraubt (von unten durch das Gestell in die Buchenleisten hinein).

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  5. Hallo Rainer,
    Danke für die Antwort. Hatte mir so etwas Ähnliches schon gedacht (und für mich selbst auch so geplant).
    Nun noch eine weitere Frage: schließt der Buchenholzrahmen bündig mit dem Untergestell ab oder gibt es einen Überstand?

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    1. Hallo Uwe,
      die Vorderseite ist bündig mit dem Gestell; damit einerseits beim Spannen an der vorderen T-Nut-Schiene mehr Auflagefläche vorhanden ist und andererseits die Gestellbeine (mit den verstellbaren Einsätzen) mitgenutzt werden können.

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  6. Hallo,
    jetzt hast du das gute Stück ja schon eine Weile. Wie sieht es denn mit der Langzeiterfahrung mit MDF aus? Geht es, oder ist es zu weich? V.a. wenn man auch viel mit Handwerkzeugen arbeitet?

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